Aargau 19. April 2017
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«Menschliche Bücher» erzählen und sind für Fragen ansprechbar (Foto: Niklaus Spoerri)

Dem Fremden und sich selber begegnen

Living Libraries / Lebensweisheit aus erster Hand, die hängen bleibt: Sie ist das beste Mittel, «Fremdes» zu verstehen. Darauf basieren die «Living Libraries», die in einigen Aargauer Stadtbibliotheken stattfanden.

Es gehört bekanntlich nicht zur Schweizer Wesensart, spontan das Gespräch mit Fremden zu suchen. Geschweige denn, dass wir Unbekannte das fragen würden, was uns auf der Zunge brennt: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie auf der Strasse leben? Wie gehen Sie mir Ihrer Behinderung um? Warum sind Sie aus Ihrem Land geflohen? Was sich im normalen Leben als unanständig anfühlt, ist bei der Living Library Teil des Konzeptes. In der «lebendigen Bibliothek» können Menschen für ein Gespräch «ausgeliehen» werden. Die Idee entstand im Jahr 2000 in Dänemark und findet seit einiger Zeit auch vermehrt in der Schweiz Anklang.Mitte März nahm die Anlaufstelle Integration Aargau die Internationalen Wochen gegen den Rassismus zum Anlass, Living Libraries durchzuführen. Die Stadtbibliotheken Baden, Aarau und Rheinfelden luden zu Gesprächen rund um das Thema Migration ein.

Fragen erlaubt. Stadtbibliothek Baden, 14. März. Mitorganisatorin Katharina Barandun sagt den zwei Dutzend Besuchern bei der Begrüssung: «Sie dürfen unsere Bücher alles fragen. Sie müssen aber nicht antworten, wenn ihnen eine Frage beispielsweise zu privat ist.» Die Besucher verteilen sich über die Bibliothek, jeder kann dreimal während einer Viertelstunde ein «Buch» ausleihen und Original-Lebenserfahrung aufsaugen.

Die neunzehnjährige Afghanin Fateme Rahmani ist heute Abend eines von fünf lebendigen Büchern. Schon bei der Begrüssung räumt sie die ersten Vorurteile clever aus den Weg: «Soll ich Schweizerdeutsch sprechen?» Es ist kurz still – vielleicht ist es Rahmanis Kopftuch, welches das klischeebehaftete Ausländer-Schema in den Köpfen der Besucher hervorruft.

Zuerst kommen Fragen nach Rahmanis Flucht: Wie? Warum? Wohin? Rahmani beschreibt – in Dialekt – ihre Odyssee, erzählt von nebligen Nächten, in denen sie, damals dreizehn, und ihre Familie von ihren Schleppern im Stich gelassen wurden. Auch zum Integrati-onsprozess wird Rahmani befragt: «Hat denn deine Mutter Deutsch gelernt? Habt ihr Kontakt zu den Nachbarn?» Die junge Afghanin antwortet offen, aussergewöhnlich selbstbewusst und in druckreifen Vollsätzen. Dann sagt eine Besucherin zögerlich-manierlich: «Ich finde dein Kopftuch spannend.» Rahmani erklärt ihre Perspektive und beschliesst: «Ich finde das Kopftuch schön, es gehört zu mir.» Unwillkürlich kommt der Gedanke: Wie ich wohl in ihren Augen aussehe? Noch mehr als eine Auseinandersetzung mit dem Fremden ist die Living Library eine Konfrontation mit den eigenen Stereotypen und Idealen.

Das Eis ist nun gebrochen, eine Frau im Pensionsalter möchte wissen, wie es bei der Kantonsschülerin Rahmani mit dem Schwimmunterricht aussehe. «Ich habe eine Mitte gefunden zwischen meiner ursprünglichen Lebensweise und der Schweizer Kultur; mein Burkini gehört dazu», antwortet Rahmani. «Die Sprüche bin ich mir längst gewohnt.»

Zeitgeschehen hautnah. In einer anderen Ecke der Bibliothek erzählt der 29-jährige Yemane Yohannes, wie er in Eritrea als Student wegen einigen kritischen Fragen gefoltert wurde. Ob er die Schweiz als Zielland schon vor seiner Flucht ausgesucht habe? Yohannes greift sich in die Haare und schüttelt den Kopf. «Nein, nein, ich hatte weder Geld noch einen Plan!» Bewegend ist die Erinnerung an die Eltern, von denen Yohannes keinen Abschied nehmen konnte. «Die Gedanken an mein Land bleiben immer präsent», sagt er. «Das macht es manchmal schwierig, richtig Fuss zu fassen. Ich hoffe immer noch, dass ich irgendwann zurückgehen kann.»

Im Gespräch mit diesem jungen Mann geht die Flüchtlingsdramatik besonders unter die Haut. Gewiss sind nicht alle Flüchtlinge in der Schweiz so eloquent und gut integriert wie Rahmani und Yohannes. Und gewiss kommen Menschen, die sich von Asylsuchenden bedroht fühlen, nicht an die Living Library. «Wie bringen wir die anderen dazu, sich mehr mit Asylsuchenden auseinanderzusetzen?» ist dann auch eine zentrale Frage im Gespräch mit der Badener Stadträtin Regula Dell'Anno, die sich heute ebenfalls «ausleihen» lässt. Trotzdem bestätigt dieser Anlass, was Mitorganisatorin Barandun zum Motto des Abends erklärte: «Integration ist Begegnung.» Eine Begegnung mit dem Fremden und mit sich selber.

Katleen de Beukeleer

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